Herzlich willkommen in der Welt des Geschichtenerzählers am 06 Mrz. 2014

Unsere Erzähler-Werkstätten in Rheinland-Pfalz

Storytelling – die Kunst, eine Geschichte über sich, sein Produkt oder komplexe Sachverhalte zu erzählen, anstatt die Dinge, Leistungen und Attraktionen einfach aufzuzählen – hat in den letzten Jahren die oberste Stufe der Marketingkunst erklommen. Es genügt heute einfach nicht mehr, die Fakten nüchtern und wortreich aufzuzählen oder das touristische Leistungsbuffet permanent zu erweitern und durch Größe und Stärke zu überzeugen.

Der Zuhörer als Gast, als Kunde und als Mensch soll berührt, ihn in seiner eigenen Gedankenwelt abgeholt und Schritt für Schritt mit meiner „Produkt“welt vertraut gemacht werden. Er wird zum aktiven Mitdenken, Mitwirken und Mitmachen eingeladen. Er muss nicht jede Einzelheit, sondern den Kern der Geschichte verstehen – sie wirkt im Unbewussten weiter, die Erkenntnisse reifen peu à peu und es offenbart sich eine Weisheit oder eine Pointe hinter den Dingen.

Dazu ist es erforderlich, selbst als Geschichtenkomponist und -erzähler über die wesentlichen Regeln und eine idealtypische Vorgangsweise in der Entwicklung von Landschaftsgeschichten Bescheid zu wissen. Davon handelt diese Geschichte, die Geschichte von der Welt des Geschichtenerzählers, und das wurde in zwei Erzähler-Werkstätten vorgetragen und diskutiert.

Natürlich erzählt sich die Geschichte in der realen Welt, im Prospekt, Internet, Hotel und am Weg, aber um sich der unterschiedlichen Rollen und damit Aufgaben eines Geschichtenerzählers bewusst zu werden, muss man von außen auf das Geschehen blicken wie ein Touristiker im Büro „auf der Brücke“ über dem Fluss der Zeit mit ihren (turbulenten) Veränderungen. Er wird eine Welt mit mindestens vier Räumen entdecken: den Landschaftsraum, den Geschichtsraum, den Erzählraum, und den Gestaltungsraum. Herzlich willkommen in der Welt des Geschichtenerzählers!

 

Der Landschaftsraum,

eine Fusion von Zeit, Raum und Sehnsüchten; der Geschichtenschreiber als Themenscout und Zuhörer.

Die Geheimnisse einer Geschichte verbergen sich in den natürlichen und künstlichen Ressourcen. In diesen gilt es, das Potential für eine gute Geschichte zu entdecken. Der Erzähler muss die geeigneten Objekte auswählen, sie nicht nur in ihrer realen, sondern auch nach ihrer emotionalen und geistig-spirituellen Bedeutung bewerten und beschreiben sowie auf einer der möglichen drei Erfahrungsebenen eine Beziehung zu einem größeren Ganzen herzustellen. Dafür braucht man ein großes Sachverständnis, die persönliche Bereitschaft, sich emotional in die Geschichte einzubringen und den kreativen Mut, Dinge und Sachverhalte zu vernetzen und zu verbinden.

Die dahinter liegende Methode ist die schrittweise Bedeutungserweiterung und -vertiefung bei oft scheinbar banalen Dingen (Entdeckung von Helden in der Landschaft und ihrer Heldentaten).

Landschaftsgeschichten erzählen heißt, die Welt eines Geschichtenerzählers in ihrer Gesamtheit zu verstehen, sich selbst als Erzähler in die Geschichte einzubringen und ein Stück von sich abzugeben. Als Gegenleistung erlangt der Erzähler den Dank und das Vertrauen des Zuhörers und ein tiefes Verständnis für den Naturraum. Erzähler und Zuhörer gemeinsam werden entdecken, dass ihr Erlebnisraum ein außerordentlicher Raum mit einzigartigen Erlebnissen ist, für den es zu arbeiten und zu leben lohnt.

 

Der Geschichtsraum,

das „Komponierhäusl“ des Geschichtenerzählers, der Geschichtenerzähler als Autor.

Die Komposition (das Schreiben einer Geschichte) und deren Erzählung sind zwei vollkommen getrennte Aufgaben, die zu unterschiedlichen Zeiten und für unterschiedliche Anlässe erfolgen. Die Geschichte folgt einer stringenten äußeren Form, bestehend aus einem Namen, einem Claim, einer Metageschichte und den einzelnen Episoden (Geschichten in der Geschichte), die das Gesamterlebnis abbilden. Die Geschichte selber ist wie ein lebendiges Wesen zu betrachten: wenn man dieses in seine Einzelteile zerlegt, ist es nicht mehr lebendig. Die innere Form einer Geschichte lässt sich daher nicht so leicht in eine Struktur gießen: In einer Metageschichte wird das strategische Erzählziel, eine Rollenverteilung, die Haupthandlung aufgrund eines Grundkonfliktes und die zu erwartende Belohung für den Zuhörer in ihren Grundsätzen formuliert und im Ablauf geordnet und dabei eine bildhafte Sprache (Verwendung von Metaphern & Bildern aus der Welt des Zuhörers) angewandt.

Am Ende der Geschichte steht immer die Transformation der Einstellung des Zuhörers, er nimmt die Position des Erzählers ein. In touristischen Produktgeschichten bedeutet das, dass er die Marke, ihre Werte und die Landschaft als Markenerlebnis versteht, anwenden kann und akzeptiert.

In den beiden Erzähler-Werkstätten haben auch einen kleinen Leitfaden zur Geschichte vorgestellt. Dabei kann der Erzähler vom Markenkonzept am Anfang bis zum tatsächlichen Schreiben der Geschichte Schritt für Schritt die wichtigsten Punkte abhaken.

 

Der Erzählraum,

ein Medienraum mit vielen Erzählern – und ich in der Mitte.

Die stringente Erzählung der Metageschichte vom ersten Kontakt mit dem Zuhörer bis zum Haupterlebnis ist nicht einfach, da man hier mit Agenturen, Grafikern und Redakteuren zusammenarbeiten muss und dabei einer aufeinander abgestimmten Vorgangsweise folgen sollte. Jedem Medium kommt dabei eine besondere Stellung und Aufgabe zu, je nachdem, wann und wo es zum Einsatz kommt, wie viel Gestaltungsraum zur Verfügung steht und welche Sinne damit angesprochen werden. Die Metageschichte sollte sich dabei im vertikalen Medieneinsatz immer als Ganzes (in der Vermittlung des zentralen Inhaltes der Geschichte) wiederfinden und im horizontalen dramaturgisch steigernd darstellen. Gerade im Internet sollte die Geschichte nicht nur im Erscheinungsbild, sondern auch im Geschichtsinhalt, Geschichtsverlauf und vor allem in der symbolischen und strukturellen Darstellung selbstähnlich zur Wirklichkeit funktionieren.

 

Der Gestaltungsraum

Der Regieraum und Regisseur, der als Spezialist und Multitalent agiert.

Jeder Ort des Erlebens hat seine eigenen Bedürfnisse, Anforderungen und Gesetze, aber alle verfolgen die gleiche Aufgabe, Hochgefühle und ein intensives Erleben Wirklichkeit werden zu lassen. Erlebnisenergie kann beim Zuhörer jedoch nur frei werden, wenn seine Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst, Sicherheit und Orientierung gestillt sind und ein störungsfreies Erleben möglich ist. Eine Geschichte wirkt zum größten Teil eher unbewusst. Die formal richtige und monomediale Aufbereitung der Geschichte genügt daher nicht – wir erleben sie mit allen Sinnen. Erst das Zusammenwirken aller Eindrücke im Sinne der Erzählung führt zu einem der sieben Hochgefühle, auf die wir während der Erzähler-Werkstätten näher eingegangen sind.