Die Wiederentdeckung der Muße am 31 Dez. 2009

Zusammenfassung der gleichnamigen Beilage in „Die Zeit”, 30.12.2009, „Wissen“ und Interview in der „Zeit” mit  Soziologen Hartmut Rosa

Müßiggang – aller Dinge  Anfang

Die Erinnerung  des Müßiggangs während der Weihnachtsfeiertage  schlummert noch in uns. In früheren Zeiten brachte es einfach Unglück, während der Raunächte zu arbeiten, zu jagen und geschäftig zu sein. Bauer und Gesinde saßen mußevoll bei Kartenspiel und Heißgetränken zusammen, um dem Geisterzug der Wilden Jagd nachzuspüren. Heute plagt uns beim Nichtstun eher ein schlechtes Gewissen, weil wir die ruhige Zeit mit all jenen  Verpflichtungen und Erwartungen vollgestopft haben, für die während des Jahres keine Zeit, keine Gelegenheit und keine Ressourcen vorhanden waren.

Doch  Nichtstun ist wertvoll, nützlich,  ja sogar lebensnotwendig, aber  wir haben es  verlernt. Muße ist  eine  Zeit zum Nachdenken, der geistigen Regeneration  und „Müßiggang ist aller Ideen Anfang“. Durch  zahlreiche Berichte über Erleuchtungserfahrungen von Newton bis Descartes, von Einstein bis Rothschild, von Frankl bis Freud   wird dokumentiert, dass bedeutende Ideen in der Regel in Phasen der Muße und Enspannung geboren werden.

Im   Leben in der Beschleunigungsgesellschaft ist die Zeit der Muße eine  bedrohte Ressource, die  als Mangel alle Lebensbereiche durchzieht. Das Gefühl, permanent unter Druck zu stehen,  das Gehetztsein als Dauerzustand und ein Trommelfeuer der Dauerkommunikation lässt uns  keine Zeit für  mußevollen Stunden des Nichtstun, in denen wir Herr über unsere Zeit sind und unsere eigentliche Bestimmung suchen können. Damit nicht nur unsere Fantasie, die Kreativität und  unter anderm auch unsere sozialen Beziehungen und letztlich unsere Gesundheit aufgrund fehlender  regelmäßiger  Auszeiten vom permanenten Getriebensein leiden,   ist es einfach notwendig,  sich von Zeit zu Zeit eine notwendige Atempause, sich das befreiende Gefühl durch ein  Innehalten zu gewähren. Unser Hirn braucht zur Regeneration Zeiten des Nichtstuns und ein gewisser Leerlauf im Kopf ist für unsere geistige Stabilität lt. Ergebnissen von neurobiologischen Experimenten unabdingbar.

Muße ist aber nicht eine Frage der freien Stunden, besteht nicht in der Konsumation von „Mußeangeboten“  sondern ist letztlich die Kunst, mich bewusst von einer Vielzahl von Optionen abzuschneiden und  mich auf die Intensität eines (dehnbaren) Augenblicks,  auf ein einziges Erlebnis  in Eigenzeit zu konzentrieren. „Wer das versteht, kann erleben, dass sich die Muße unvermutet von hinten anschleicht und uns plötzlich überrascht, wenn wir sie gar nicht suchen!“ (Helga Notwotny)

Wir genießen  das Tempo

Wir haben verlernt, die Muße zu pflegen und unsere guten Vorsätze verpuffen im Alltag sehr schnell, weil wir die Beschleunigung in unserem Leben auch genießen

Beschleunigung und Flexibilisierung vermitteln uns ein Freiheits- und Glücksgefühl. Je mehr Optionen wir haben, je mehr Erlebnisse möglich sind, umso reicher erscheint unser Leben.  Die Beschleunigungsgesellschaft  lebt nach dem Performanceprinzip und vermeint  über ihre Zeit souverän  zu verfügen. ´Wenn Zeit aber “ kostbar“ ist, ist  es ein Problem, Muße zu genießen..

Nichts- tun – oder unser Hirn im Offlinemodus

Ein Forschungsgebiet der Neurologen ist, der Frage nachzugehen. „Was tut unser Hirn, wenn es nichts tut!“ Sie beschreiben  einen  kuriosen  Effekt bei Hirntests : Wenn Probanden aufhörten sich zu konzentrieren, stieg die Betriebsamkeit bestimmter Hirnregionen an und nahmen in umgekehrter Weise bei zielgerichteten Aktivitäten ab (beschrieben als „Default Network“). „Der Leerlaufmodus ist eine nach Innen gerichtete Aktivität des Gehirns, ein Zustand, in dem sich das Zentrum des Bewusstseins mit sich selber beschäftigt.“ Das tägliche Bombardement   an Informationen würde das Hirn in ein gefährliches Ungleichgewicht stürzen, wenn es nicht Ruhepausen gäbe, in denen das Hirn sich selbst überlassen ist (Jan Born, Neuroendokrinologe). Offensichtlich ist ein enger Zusammenhang zwischen Leerlauf-Netzwerk und dem Ich-Bewusstsein gegeben (Brain-Mind-Institut Lausanne).

Die Kunst des Müßiggangs will erlernt werden

bzw. die vier Hindernisse auf dem Weg des Müßiggangs:

  • Das Gefühl des ständig gehetzt Seins ist ein kollektives Problem. Wer von lauter gehetzten Menschen umgeben ist, kann sich plötzlich nicht davon ausnehmen (erstes Hindernis).
  • Wer Muße nur als Zeit von Wellness und Fitness versteht, unterwirft sich wieder einem Nützlichkeitsdenken, das unseren gesamten Arbeitsalltag regiert. (zweites Hindernis). Müßiggang ist das „Fernsein von Geschäften oder Abhaltungen“ (Grimm) als edelste Handlung des Menschen (zu sich selbst kommen, philosophieren, die Natur genießen und nicht nur die Schaffenskraft wiederherstellen). Müßiggang unterliegt keiner Verwertungslogik, sondern Müßiggang ist sich selbst genug
  • Mit permanentem Erwartungsdruck verstellen wir uns selbst den Weg zum Genuss der freien Zeit. (drittes Hindernis)
  • Das vierte Hindernis ist unser Wohlstand, es strengt uns gerade das an, was eigentlich als Glücksversprechen gedacht ist: die schier unendliche Vervielfältigung der Möglichkeiten (mehr, größer, weiter…). Das Mehr an Möglichkeiten macht nicht glücklicher, sondern je größer die Auswahl, umso mühsamer die Entscheidung! Jede Wahl verlangt, auf Alternativen zu verzichten und Verzicht ist als Verlust schmerzlicher als uns der Gewinn freut.

Sich an die Kulturtechniken der Muße wieder erinnern!

Sehnsucht „Einklang“, wir wollen die Welt als Resonanzraum erfahren und sehnen uns danach zu spüren, dass es zwischen  Innenleben  und der Außenwelt einen Widerhall „Einklang“  gibt. Dazu braucht es Muße, diese braucht aber Zeit, eine Auszeit vom täglichen Immer-weiter-so und diese muss gegen viele Versuchungen und Ablenkungen verteidigt werden. Dabei hilft  die „Odysseus-Strategie“:  Man fesselt sich selbst, um nicht den Sirenengesängen der unendlichen Möglichkeiten zu verfallen. Das heißt,  manche Dinge (zB. die Auszeiten) als sakrosankt zu erklären und  zu genießen, indem man mußevolle Haltung einnimmt , eine Zeit, die  nicht mit Erwartungen überfrachtet wird.