"Natur lesen lernen" bzw. Naturpark – Lese – Techniken am 12 Dez. 2009

Lesen lernen als regionale Leitidee

Unser  Wanderentwicklungskonzept für die Naturparkregion Zirbitzkogel- Grebenzen beruht auf drei zentralen Überlegungen. Den Handlungsrahmen bestimmte eine Logo Naturparkgemeinsam definierte Leitidee,  diese wird über die  Umsetzung eines attraktiven Leitwegemodells erlebbar aufbereitet und in Form eines erlebnisstarken Leitprodukts vermarktet. Der Kern der entwickelten Leitidee ist das Nutzenversprechen: „Die Natur lesen zu lernen!“.  Sie beruht auf den besonderen Fähigkeiten der Region wie der  gelebten Naturparkphilosophie und  dem  Naturlesepark als authentischer Attraktion und Verbindungsbrücke von Natur- und Kulturraum. Die  ambitionierte Bionikinitiative der Naturparkverwaltung, das interdisziplinäre Bemühen um die Entschlüsselung von „Erfindungen der belebten Natur“ könnte dabei zum Motor der Kompetenzentwicklung mutieren.

Die Menschen lesen seit jeher die Natur

Natur zu verstehen, sie zu nutzen, war für uns Menschen immer schon lebensnotwendig. Das  Lesen von Sternen zur Orientierung, die Enträtselung des  Himmels für das emotionale Wohlbefinden, ein umfassendes Verständnis für Pflanzen, Kräuter und Früchte auf der Suche nach Essbarem, das Erkennen vonLesebaum_Maus Zusammenhängen von Wetter, Klima und Boden im Ackerbau usw.,  einfach alles war für das tägliche Überleben von Bedeutung.  Wir haben allerdings verlernt, die  Zeichen der Natur zu verstehen, sie zu achten und mit der Natur  in Einklang zu leben.  Gerade in der Zeit  großer klimatischer Umstellungen werden wir schmerzlich von der Natur darauf aufmerksam gemacht, dass es einfach lebensbedrohlich sein kann, sie nicht zu verstehen und zu respektieren.

Durch die Leitidee auf die Spur gesetzt, stellt sich die Frage, wie die Kunst des „Naturlesens“ eigentlich funktionieren könnte  und wie dieses Wissen gesammelt, aufbereitet und weitervermittelt werden kann.  In der Recherche und Diskussion  haben sich einige interessante Ansätze herauskristallisiert:

Erzählende Namen (Etymologie, Semantik)

In der Etymologie werden Herkunft und Geschichte der Wörter ergründet und somit die Entwicklung ihrer Bedeutung und Form. „Natur lesen lernen“ heißt auch, die Namen in der Landschaft zu verstehen. Hier gilt es erzählende Namen zu identifizieren, das heißt, die ursprüngliche Bedeutung, die Überlegungen der Namensgeber und verschiedene Interpretationen zu ergründen und Geschichten darüber zu erzählen. Sie sollen den Besucher anregen, selbst über diese Dinge nachzudenken. Bildliche Namen wie Kuhalm, Blasenkogel, Kreuzeck usw., die über die ursprüngliche Landschaftsnutzung, Formen und Eigenschaften Auskunft geben, uns aber auch offenbaren, wie unsere Altvorderen die Landschaft wahrnahmen und nutzten. Auch Ortsnamen (Mariahof, Meier, Major, Moarhöfe) und damit verbundene Symbole und Erkennungsmerkmale, Zusammenhänge und Beziehungen bereichern zukünftig die Erfahrungen und das Erlebnis unserer Besucher. Unsere Sprache wird damit zur Schatztruhe für authentische und spannende Geschichten, die jeder Besucher über die Semantik selber entdecken (entziffern) kann.

Bilder im Kopf erzeugen – Simulakrum

Die Felsen_GesichtNatur rund um uns ist voller Bilder, die erkannt, konstruiert und mit Bedeutung versehen werden wollen. Ein Felsen wird zu etwas Besonderem, wenn wir genau hinschauen. Wir entdecken Gesichter, Figuren und Besonderheiten, die Wolken am Himmel werden zu phantastischen Gestalten, die in wilder Jagd dahinstürmen und das sich kräuselnde Wasser berührt mit seinem ewigen Werden und Vergehen. Wikipedia: “Als Simulakrum bezeichnet man ein wirkliches oder vorgestelltes Ding, ein Abbild, Spiegelbild, Traumbild, Götzenbild, Trugbild, das mit etwas oder jemand anderem verwandt ist oder ihm ähnlich  ist.“ Laden wir unsere Besucher ein, das Gesicht im Felsen zu erkennen (zu finden) sowie die Bilder in der Landschaft, wachsende Formen und ihre jahreszeitlichen Veränderungen mit Phantasie zu lesen.

Regeln – Wetterregeln

Regeln, die seit jeher den Tagesablauf und das Leben der Menschen beeinflusst haben, entstehen häufig aus der Natur heraus.  So verdeutlichen Bauernregeln (Wetterregeln) die Bedeutung, die Natur sprechen zu lassen. „Hat der Zirbitzkogel einen Hut, wird das Wetter wieder gut“ und andere Aussprüche zeigen die Wichtigkeit des Landschaft-Lesens in der Vergangenheit auf. Pflanzen und Tiere als Wetterpropheten, Wolkenformationen und ihre Veränderungen erkennen und interpretieren, das haben unsere Vorfahren Jahrtausende lang geübt,  das Wissen liegt noch in uns vergraben, lassen wir es wieder auferstehen. Das Verhalten der Tiere beobachten, Typologien und Indikatoren erkennen und interpretieren.

Spuren in der Natur lesen können

Fußspuren

Signaturlehre Paracelsus (1)

Beinwell

„Aus der Form der Dinge ist die innere Kraft erkennbar”. (Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt  „Paracelsus“, hat diese Methode erstmals dokumentiert und aufbereitet.) Die Zeichen außen lassen und auf die innere Wirkung schließen. Ein Signum, also ein Zeichen, ist die Information, die von jedem Lebewesen, sei es Mensch, Tier oder Pflanze „gesendet“ wird und potentiell empfangen werden kann. Wenn nicht empfangen wird, handelt es sich um ein Empfängerproblem und kein Senderproblem. Die Pflanzen werden in Signaturpflanzen und Sympathiepflanzen eingeteilt und jeder Pflanze wird ob ihrer Form, Farbe  und Wesensart Nutzen- oder Schadensfähigkeit zugesprochen.

Abbildung: Beinwell – Alles Gute für die Beine

Bionik oder Stars und Künstler (in) der Natur

Die Natur hat eine Vielfalt an Formen, Strukturen und Verfahren entwickelt. Diese versetzen uns immer wieder in Erstaunen. Beispielsweise sind die Fäden, aus denen Spinnen ihr Netz weben, leicht und flexibel, aber zugleich haltbar und stabil. Bionik ist systematisches Lernen von der Natur und steht damit in Abgrenzung zur reinen Naturinspiration.

Pflanzen und Tiere als Ideenreservoir
Klettfrucht (Klettverschluss), Lotus-Effekt, Entwicklung von selbstreinigenden Materialien, die Struktur der Wabennester von Bienen

Die Stars in der Landschaft erkennen. Weltrekorde: schneller – höher – weiter,  „sportliche“ Höchstleistungen der Tiere und Pflanzen wie dem Taumelkäfer als schnellstem Sprinter, der auf dem Wasser laufenden Segelechse. Der Floh für höchste Sprünge und der Grashüpfer als Vorbild für Düsenjet und Helikopter.

Die Natur als Verpackungskünstlerin:
Die orangegelbe Kapstachelbeere, die wie ein Lampion erstrahlen kann, die Schale einer Walnuss, die den genau programmierten Lebenszyklus durchläuft

Die Intelligenz der Natur:
Die Schwarmintelligenz der Vögel, einPhönomen der Kommuniktion  die Ameisenalgorithmen – eine Höchstleistung von kombinatorischer Orientierung oder die Feder, ein mulifunktionales Gebilde, um sich in die Lüfte zu erheben, zu schützen und um sich mit den vielfältigsten Farben, Mustern und Strukturen zu schmücken, sich versteht zu tarnen oder zu wehren.

Weitere Ideen sind

Astronomie – Sternenhimmel lesen lernen, den Himmel lesen können (im Stiftsgarten, Sterne schauen), Weissagungen aus Naturmanifestationen (Vogelflug, Innereien usw.)

Rat der Weisen – als Kompetenzträger

In den Diskussionen stellte sich heraus, dass sehr viel altes Wissen in der Bevölkerung schlummert. Deshalb wird sich eine online-gestützte Wissensdatenbank und der „Rat der Weisen” um die Sammlung, Weiterentwicklung und die nutzbringende Anwendung kümmern.

Im nächsten Blogartikel werde ich auf die Idee der Lesegärten, der Lesezeichen und der Naturlesebücher eingehen.


[1] Entnommen aus www.wikipedia.at